Überblick über Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Jeder Dritte in Deutschland lebende leidet an unklaren gastro-intestinalen Beschwerden! 30 – 40% dieser Patienten glauben, dass ihre Beschwerden auf eine „Nahrungsmittelallergie“ zurückzuführen sind. In diesem Artikel möchte ich dir einen kurzen Überblick über die verschiedenen Nahrungsmittelunverträglichkeiten zeigen und dir die Unterschiede kurz erklären. Die „richtigen“ Allergien und Kreuzallergien sowie die Histaminintoleranz habe ich ja schon ausführlicher in einzelnen Artikeln behandelt.  Aber leider gibt es noch mehr Unverträglichkeitsreaktionen und häufig treten die Reaktionen nicht unmittelbar nach dem Essen auf. Oft vergehen Stunden bis Tage, so dass sich die Symptome nicht mehr eindeutig den betreffenden Lebensmitteln zuordnen lassen. Aus diesem Grund bleiben die Ursachen häufig ungeklärt. Was jedoch eigentlich alle Unverträglichkeiten gemein haben, ist (wie sollte es anders sein) die Beteiligung des Darms. Hier muss letztendlich auch immer mit der Therapie angesetzt werden.

Ich hoffe, dass ich hier ein bisschen mehr Licht ins Dunkle bringen kann.

ZeitBeschwerdebildUrsachen der Unverträglichkeit
bis 0,5 Std.typische Allergiesymptome OAS, Rhinitis, Asthma, Urtikaria usw.Allergie vom Sofort-Typ [IgE / IgG4] Pseudoallergische Reaktionen
0,5 – 3  Std.vorwiegend abdominelle Beschwerdebilder: Meteorismus, rez. Diarrhöen, Tenesmen
Aber auch:
Migräne, ADS, depressive Verstimmungen
Laktoseintoleranz
Fruktose- / Sorbitmalabsorption
Glutensensitive Enteropathie
1 – 6 Std.abdominelle Beschwerdebilder
Tenesmen, akute Diarrhö
Toxische Enteritis (Bakterien- u. Pilztoxine)
Std. – TageChronische, unspezifische Symptome
Darmbeschwerden, Hautreaktionen, chronische Müdigkeit, Migräne usw.
Allergie vom verzögerten Typ                IgG4, T-Zell-vermittelt

 

Allergie

Der Begriff leitet sich aus dem Griechischen ab und bedeutet „anders reagieren“. Eine Allergie ist eine Überreaktion des körperlichen Immunsystems auf Substanzen (Allergene), die normalerweise keine Gefahr darstellen. Das Immunsystem erkennt es fälschlicherweise als „körperfremd – gefährlich“ und wehrt sich sofort nach Aufnahme gegen das Allergen, indem es mit den entsprechenden Symptomen reagiert. Es gibt eine Vielzahl von Allergenen und sie können nach unterschiedlichen Gesichtspunkten eingeteilt werden, z.B. nach der Allergenquelle (Tierhaarallergene, Pollenallergene, Hausstaubmilbenallergene), nach der Art des Kontakts mit den Allergenen (Inhalationsallergene, Nahrungsmittelallergene) oder nach dem Pathomechanismus, durch den die Allergene eine allergische Reaktion auslösen (IgE-reaktive Allergene, Kontaktallergene). Die Häufigkeit von Nahrungsmittelallergien (IgE-vermittelt) wird mit 0,5 – 1,5% angegeben, im Kleinkindalter sind bis zu 8% betroffen.

Mögliche Diagnostik im Labor: z.B. IgE gesamt, ECP, IgE Nahrungsmittelscreen

 

Kreuzallergien

Bei Jugendlichen oder Erwachsenen werden Nahrungsmittelallergien (IgE) vorwiegend durch Obst, Nüsse oder Gemüse hervorgerufen. Die Nahrungsmittelreaktionen lassen sich häufig auf bestehende Pollenallergien zurückführen, wobei die gebildeten Antikörper mit allergenen Strukturen der Nahrungsmittel kreuzreagieren, die starke Ähnlichkeiten zu den Pollenallergenen aufweisen. Das heißt: der Körper ist eigentlich auf einen Stoff, z.B. Birkenpollen, allergisch. Die Strukturen ähneln anderen, der Körper kann dies nicht genau unterscheiden und reagiert auf Äpfel.

Beim Birkenpollenallergiker können also beim Verzehr von Äpfeln allergische Reaktionen wie Anschwellen und Juckreiz der Mundschleimhaut auftreten, obwohl der Patient nicht ursprünglich gegen Äpfel sensibilisiert ist, sondern gegen das Birkenpollenallergen.

Diagnostik im Labor: z.B. IgE Inhalationsscreen

 

Typ IV Allergien Zelluläre Immunreaktion

Typ IV Allergien sind verzögert (24 – 72h) ablaufende, in der Regel nicht lebensbedrohliche Allergien. Typisch sind Allergien gegen Metalle aber auch gegen Nahrungsmittel. Besonders starke Metall-Expositionen finden sich bei Zahnfüllungen und -implantaten, Dentallegierungen, Gelenkprothesen und ähnlichem, aber auch bei Schmuck, Münzen, Kosmetikprodukten oder bestimmten Medikamenten oder Vakzinen. Hat erst einmal eine Sensibilisierung stattgefunden, dann können Metalle der Hintergrund von vielfältigen Beschwerden sein. Typ IV-Allergien äußern sich in uncharakteristischen Symptomen, wie z.B. Hautekzeme, Migräne oder Muskelschmerzen. Auch entzündliche Darmerkrankungen können durch Typ-IV-Reaktionen hervorgerufen sein.

Diagnostik im Labor: z.B. Lymphozytentransformationstest (LTT)

 

Pseudoallergien

Pseudoallergien sind Unverträglichkeiten auf Lebensmittelzusatzstoffe wie Konservierungs- oder Farbstoffe. Pseudoallergische Reaktionen können innerhalb von 15 – 60 Minuten nach Nahrungsaufnahme zu allergieähnlichen Symptomen führen. Sie können sich aber auch, besonders wenn sie auf Lebensmittelfarben oder -zusatzstoffen beruhen, erst nach 6 – 24 Stunden zu Beschwerden führen. Pseudoallergien werden im Gegensatz zu echten Allergien nicht durch Antikörper hervorgerufen. Auch eine Sensibilisierung ist nicht erforderlich, wodurch bereits ein erster Kontakt mit dem auslösenden Nahrungsmittel zu Unverträglichkeitsreaktionen führen kann.

Zu den häufigsten Symptomen gehören Nesselsucht (Urticaria) und Hautrötungen, vor allem im Gesicht- und Halsbereich.

Diagnostik: Pseudoallergiescreening (CAST)

 

Histaminintoleranz

Eine Histamin-Intoleranz kommt bei ca. 3% der Bevölkerung vor, wobei überwiegend Frauen davon betroffen sind. Histamin – Intoleranz wird definiert durch ein Ungleichgewicht zwischen Histamin und dem Histamin – abbauenden Enzym DAO (Diaminoxidase). Bei einem gesunden Menschen wird histaminhaltige Nahrung im Darm von Histamin weitgehend befreit. Intoleranzen werden nicht durch spezifische Antikörper oder sensibilisierte Zellen ausgelöst. Sie entstehen abhängig von der aufgenommenen Dosis der auslösenden Substanz, also Histamin oder andere biogene Amine, die in Lebensmitteln enthalten sein können. Biogene Amine finden sich vor allem in leicht verderblichen tierischen Lebensmitteln (z. B. Fisch und Fischprodukte). Hohe Konzentrationen können auch Lebensmittel aufweisen, die im Laufe ihrer Verarbeitung, Reifung und Lagerung biochemischen und mikrobiellen Veränderungen unterliegen (Käsesorten, Rohwurst, roher Schinken, Sauerkraut, Spinat, Hefeextrakte, Wein und Bier). Insbesondere sind Patienten mit Allergien und einem erniedrigten Vitamin B6 – Gehalt des Körpers gefährdet, eine erniedrigte Toleranzschwelle gegenüber Histamin und damit eine verminderte Aktivität der Diamonooxidase zu besitzen.

Diagnostik: z.B. Diaminoxidase, DAO-Aktivität, Histamin im Stuhl

 

IgG4-Reaktionen

Neben den klassischen IgE-vermittelten Typ I Allergien, gibt es IgG4-vermittelte Überempfindlichkeitsreaktionen, welche aber keine Typ 1 Allergien darstellen. Die IgG4-Antikörper treten vor allem gegenüber Nahrungsmitteln auf und können verzögerte Reaktionen auslösen (bis 72 Stunden nach Antigenkontakt). Hohe IgG4-Antikörperkonzentrationen beruhen auf einer erhöhten Durchlässigkeit der Darmschleimhaut , wodurch Allergene in größeren Mengen in Kontakt mit der systemischen Körperabwehr kommen. Es entstehen gegen Nahrungsmittel gerichtete Antikörper (Sensibilisierung). Als Ursachen der erhöhten Schleimhautpermeabilität kommen eine wiederholte Gabe von Antibiotika und damit verbundenen Schädigungen der Darmflora, Magen-Darm-Infekte, entzündlichen Darmerkrankungen, Umweltbelastungen oder Stress in Betracht. Da nicht jeder Patient mit einer erhöhten Durchlässigkeit der Darmschleimhaut Beschwerden aufweist, werden immer wieder auch scheinbar „Gesunde“ mit hohen Antikörperspiegeln gefunden. Ob es sich dabei aber wirklich um Gesunde handelt, muss infrage gestellt werden. Gehen hohe IgG4-Antikörper-Spiegel mit Beschwerden einher, dann sollten die reagierenden Nahrungsmittel vorübergehend weggelassen werden. Genauso wichtig oder vielleicht noch wichtiger ist eine Stabilisierung der Darmschleimhaut, um die Durchlässigkeit für Nahrungsmittelallergene zu verringern und damit einer ständigen Neubildung von Antikörpern entgegenzuwirken.

Diagnostik: z.B. Vorscreen A, IgG4 Nahrungsmittelscreen, IgG4 Kompaktscreen

 

Zuckerunverträglichkeiten

Zuckerunverträglichkeiten sind in Mitteleuropa sehr verbreitet. Alleine in Deutschland leiden 15-22% der Bevölkerung an einer Lactoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit). Die Häufigkeit einer Fructosemalabsorption liegt mit 30-40% noch deutlich höher.

 

Laktoseintoleranz

Eine Laktoseintoleranz beruht auf einem Mangel an milchzuckerspaltenden Enzymen, der angeboren oder erworben sein kann. Häufig nimmt die Enzymaktivität aus bisher unbekannten Gründen mit zunehmendem Alter unwiederbringlich ab. Der Organismus der Betroffenen produziert eine zu geringe Menge an Laktase, ein Enzym, das zur Verdauung von Milchzucker im Darm benötigt wird. Durch die im Dünndarm nicht oder nur unzureichend stattfindende Fermentierung durch Laktase gelangen die Milchzuckermoleküle in unverändertem Zustand in den Dickdarm und werden von den dort befindlichen Bakterien vergärt. Es entstehen Abbauprodukte (v.a. kurzkettige Fettsäuren), die für das Beschwerdebild der Laktoseintoleranz verantwortlich sind: Durchfallneigung, Blähungen, Bauchschmerzen. Aber auch eine Vielzahl unspezifischer Symptome werden oft mit einer Laktoseintoleranz im Verbindung gebracht: chronische Müdigkeit, Gliederschmerzen, Kopfschmerzen, depressive Verstimmungen, innere Unruhe, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen usw. Der erworbene Laktasemangel ist nicht genetisch bedingt, sondern entsteht infolge bestimmter Erkrankungen. Wurde die Grundkrankheit erfolgreich behandelt, kann sich die Milchzucker-Unverträglichkeit wieder zurückbilden.

Diagnostik: Laktose-Atemgastest, Laktoseintolerant-Gentest

 

Fruktose

Fruktose (Fruchtzucker) ist in vielen Nahrungsmitteln enthalten. Nicht nur in Obst und Gemüse, sondern auch in Diabetikerwaren, verschiedenen Fertig-Lebensmitteln (z.B. Ketchup, Soßen, Fischmarinaden, Feinkostsalate) findet man sogenannte Zuckeraustauschstoffe. Durchschnittlich werden täglich etwa 50 g Fruktose mit der Nahrung aufgenommen. Der Fruktosemalabsorption liegt ein defektes Transportsystem im Dünndarm zu Grunde. Dieses kann ererbt (sehr selten -> heriditäre Fruktoseintoleranz) oder auch auf eine gestörte Darmflora zurückzuführen sein. Die Fruktose wird im Dünndarm nur unzureichend resorbiert, so dass hohe Konzentrationen vom Dünndarm in den Dickdarm übertreten, wo auch die Fructose von der dort ansässigen Flora verstoffwechselt wird. Die Beschwerden ähneln denen der Laktoseintoleranz, wobei auf Grund eines mit der Fruktosemalabsorption scheinbar ursächlich in Zusammenhang stehenden Zink-, Folsäure- und Tryptophanmangels ein Auftreten von depressiven Symptomen und ein geschwächtes Immunsystem oft beobachtet werden. Mit der Fruktosemalabsorption ist häufig auch eine Malabsorption der Zuckeralkohole Sorbit und Xylit assoziiert.

Diagnostik: Bakterielle Spaltungsaktivität von Fruktose und Sorbit, Fruktose-Atemgastest

 

Sorbit

Sorbit ist das Abbauprodukt von Glukose und Fruktose und stellt chemisch einen Alkohol dar, der wegen seiner Süße auch als Zuckerersatzstoff genutzt wird. Da zum Abbau im Körper kein Insulin erforderlich ist, wird Sorbit häufig in diätetischen Produkten genutzt. Während Sorbit in natürlichen Lebensmitteln vorkommt (in allen Trockenfrüchten, Weintrauben, Birnen, Pflaumen, Aprikosen, Äpfeln, usw.) ist es als Lebensmittelzusatz kennzeichnungspflichtig (E420) und wird generell bei Kaugummi, Zahnpflegeprodukten, Lutschpastillen, usw. eingesetzt. Wenn Sorbit nicht von der Dünndarmwand aufgenommen werden kann, werden die Sorbitmoleküle durch die Bakterien des Dickdarms unter Gasbildung  verstoffwechselt. Die Hauptsymptome einer Sorbitunverträglichkeit sind Blähungen, Durchfall, Bauchkrämpfe und Übelkeit.

Diagnostik: Bakterielle Spaltungsaktivität von Fruktose und Sorbit, Sorbit-Atemgastest

 

Glutenunverträglichkeit / Zöliakie

Die Zöliakie (bei Kindern) bzw. einheimische Sprue (bei Erwachsenen) ist eine Dünndarmerkrankung, die mit einer Überempfindlichkeit gegenüber Eiweißbestandteilen bestimmter Getreidesorten einhergeht. Die andauernde Entzündung der Dünndarmschleimhaut führt zum Verlust der resorptiven Oberfläche, d. h. Nährstoffe können nicht mehr ausreichend aufgenommen werden (->Mangelerscheinungen) und es kommt zu Verdauungsstörungen. Häufig ist insbesondere die Aufnahme von Fett und fettlöslichen Vitaminen eingeschränkt. Darüber hinaus kann auch die Spaltung von Zuckern im Darm beeinträchtigt sein, so dass  häufig eine Milchzuckerunverträglichkeit auftritt (sekundäre Laktoseintoleranz). Im Gegensatz zu klassischen Formen einer Zöliakie, die mit einer Zottenatrophie einhergehen, finden sich relativ häufig sog. silente oder latente Verlaufsformen, die häufig nur durch eine unklare Eisenarmut auffallen. Eine Zottenatrophie ist nicht nachweisbar. Gluten, das Klebereiweiß unseres Brotgetreides, reizt die Schleimhautstrukturen des Dünndarms und zieht verschiedene Beschwerden nach sich (z.B. Migräne, ADS), die i.d.R. innerhalb von 3 Stunden nach dem Essen glutenhaltiger Speisen auftreten. Nach Meiden von Gluten wird nahezu immer eine Beschwerdefreiheit erreicht.

Diagnostik: Gliadin- und Transglutaminase-Antikörper, Genetische Disposition Sprue / Zöliakie

 

So. Dies war wirklich nur ein ganz grober Überblick. Auf IgG4-Nahrungsmittel-, Zucker- und Glutenunverträglichkeiten werde ich ganz sicher in den nächsten Artikeln noch nach und nach weiter eingehen und sie genauer beleuchten.

Auf jeden Fall möchte ich dir zum Schluss noch mitgeben, dass eine Allergie oder eine Unverträglichkeit nicht ein Schicksal ist, dass du bis zu deinem Lebensende mit dir herumtragen musst! Zusammen werden wir es schaffen, sie in den Griff zu bekommen und vielleicht sogar zu eliminieren. Dein Lebensstil, deine Ernährung und deine Darmgesundheit sind hierbei Dreh- und Angelpunkte, aber dazu in den jeweiligen Artikeln mehr…

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