Die Bedeutung unserer Darmflora für die menschliche Gesundheit ist unbestritten. Mikro­ben in unserem Darm fermentieren Ballaststoffe aus unserer Nahrung, die unser eigener Organismus nicht aufbrechen kann und gewinnen daraus für uns zusätzliche Vitamine und kurzkettige Fettsäuren. Diese Fettsäuren sind für die Integrität und Gesundheit der Darm­schleimhaut unerlässlich. Darüber hinaus spielt die Darmflora eine bedeutende Rolle im Immunsystem und schützt uns vor Infektionen und sogar chronischen Krankheiten, ein­schliesslich Autoimmunerkrankungen und Krebs. [1] Der Verdauungstrakt enthält mindestens 10 Billionen Mikroorganismen – Bakterien, Pilze, Archäen, Protozoen und Viren – die 12 verschiedenen Phylen (Stämmen) zugeordnet wer­den. [2] Wie viele verschiedene Arten von Mikroben es gibt, ist noch nicht abschliessend geklärt. Schätzungen sprechen von mindestens 500 [3] bis zu über 2.000 [4]. Bis vor wenigen Jahren war es kaum möglich, anaerobe Mikroben zu erforschen, da sich diese nicht in der Petrischale kultivieren lassen. Heute ist es möglich, das mikrobielle Genmaterial zu untersu­chen, was die Mikrobiologie ganz erheblich nach vorn gebracht hat. Wir wissen jetzt wesentlich mehr, aber längst nicht alles über unsere Flora.

Bakterien

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Schon bei Säuglingen kann gleich nach der Geburt die Besiedelung mit Mikroben nach­gewiesen werden. Fragen, die die Wissenschaft noch beschäftigen sind:

  • Woher kommen die frühkindlichen Mikroben?
  • Wann beginnt die Besiedelung?
  • Haben Kinder, die auf natürlichem Wege geboren werden, ein anderes Mikrobiom (die Gesamtheit der mikrobiellen Gene) als Kinder, die per Kaiserschnitt geboren werden?
  • Wenn ja, ist dieser Unterschied relevant für die zukünftige Gesundheit des Kindes?

Es besteht kein Zweifel mehr darüber, dass bei der natürlichen Geburt Mikroben von der Mutter auf das Kind übertragen werden und dass diese Übertragung wichtig für die Gesundheit des Kindes ist. Wie diese Übertragung jedoch genau vor sich geht, ist noch nicht abschliessend geklärt. Manche Forscher sind der Meinung, dass die Besiedelung des kindlichen Darms bereits im Mutterleib beginnt. Untersuchungen des Mikrobioms der Plazenta haben Mikroben nachgewiesen, die sonst vor allem im Mund heimisch sind. Auch das Fruchtwasser ist gemäss mehreren Studien nicht steril.[5],[6],[7] Spätere Untersuchungen konnten dies jedoch nicht bestätigen, sondern kamen zu dem Schluss, dass in der Plazenta nachgewiesene Mikroben in Wirklichkeit durch Kontaminierung nach der Geburt besiedelt wurde. [8],[9] Gegen die vorgeburtliche Besiedelung spricht auch die Tatsache, dass bei Kin­dern, die per Kaiserschnitt geboren wurden, wesentlich weniger mütterliche Mikroben nachgewiesen werden. Ein weiteres Gegenargument ist, dass es möglich ist, im Labor sterile Tiere aufzuziehen, sofern diese per Kaiserschnitt geboren wurden. Es sieht so aus, als ob das Kind Mikroben erst mit der Geburt ausgesetzt ist. Zugang ent­steht mit dem Platzen der Fruchtblase. Nach der Entbindung wird Etablierung, Entwicklung und Reifung sowie die Stabilisierung der Darmflora durch die Interaktion zwischen Mikro­organismen und Wirt sowie durch zahlreiche externe und interne Faktoren ausgelöst und geformt. Hier spielen zum Beispiel genetische Faktoren, die Ernährung von Mutter und Kind, die Umwelt, das soziale Umfeld, Krankheiten, Medikamente und auch die Art der Geburt eine Rolle. Eine italienische Studie stellte fest, dass am Tag der (natürlichen) Geburt 50,7 % der Mikrobenarten im Darm von Neugeborenen aus Darm, Vagina, Mund oder von der Haut der Mutter stammten. Der Hauptanteil kam aus dem Darm der Mutter (22,1 %), gefolgt von der Vagina (16,3 %), dem Mund (7,2 %) und der Haut (5 %). [10] Eine schwedische Studie fand, dass Mutter und Kind zwei bis fünf Tage nach der Geburt 72 % ihrer Darmbakterien gemeinsam haben. [11] Auf welchem Weg die mütterlichen Darmbakterien in den Darm des Kindes gelangen, ist gegenwärtig noch ungeklärt. Fest steht, dass Darmbakterien übertra­gen werden, dass diese Übertragung sich noch nach der Geburt fortsetzt, dass von der Mutter übertragene Mikroben sich besser im kindlichen Darm einleben und halten als Mikroben aus anderen Quellen, und dass sie für die Entwicklung der kindlichen Darmflora eine wichtige Bedeutung haben. [12] Bei Geburten per Kaiserschnitt beträgt der Anteil der mütterlichen Mikroben zwei bis fünf Tage nach der Geburt lediglich 42 %. [13] Der erste Kontakt eines Kaiserschnitt-Kindes mit Mikroben erfolgt für gewöhnlich über die Haut der Mutter und die Umgebung. Entspre­chend ist auch die Zusammensetzung der Flora unterschiedlich. Sie enthält mehr Spezies, die typischerweise auf der Haut heimisch sind, als Darmspezies. Bacteroides und Bifido­bakterien werden ausschliesslich nach vaginaler Entbindung nachgewiesen.

Baby und Mutter spielen

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Mit zunehmendem Alter des Kindes gleicht sich die Darmflora der eines auf natürlichem Wege geborenen Kindes mehr und mehr an, was jedoch mehr als vier Jahre dauern kann. Diese langlebigen und grossflächigen Abweichungen der Darmflora im frühen Leben könn­ten zu den mit Kaiserschnitten verbundenen Gesundheitsrisiken beitragen. [14] Zum Beispiel ist bei Kindern, die per Kaiserschnitt entbunden werden, im Vergleich zu solchen, die vaginal entbunden werden, die Wahrscheinlichkeit, übergewichtig und fettleibig zu werden, um 33 % erhöht [15]. Kaiserschnitt-Kinder von übergewichtigen Müttern haben sogar ein bis zu fünffaches Risiko, ebenfalls übergewichtig und fettleibig zu werden. [16] Sevelsted at al fanden 2015, dass bei Kindern, die per Kaiserschnitt geboren wurden, ein erhöhtes Risiko für Immunerkrankungen besteht. [17] Im Gegensatz dazu hat eine kürzlich von Chu et al. [18] durchgeführte Studie keine wesentlichen Unterschiede in der Darmflora von Säuglingen zum Zeitpunkt der Geburt identifiziert, unabhängig davon, ob sie vaginal oder per Kaiser­schnitt geboren wurden. Sie fanden jedoch deutliche Veränderungen, die durch die Art der Entbindung an anderen Körperstellen wie der Mundhöhle, der Nase und der Haut bei der Geburt bedingt waren, sechs Wochen nach der Geburt jedoch verschwunden waren. Als ein Grund, für die offenbar reduzierte und veränderte Besiedelung des frühkindlichen Darms bei Kaiserschnitt wird der mangelnde Kontakt mit mütterlichen Mikroben angese­hen. Ein anderer ist die routinemässige und notwendige Anwendung von Medikamenten bei Kaiserschnittgeburten – insbesondere Schmerzmittel und Antibiotika –, die die Darm­flora von Mutter und Kind zusätzlich stören. Die meisten Experten haben keinen Zweifel daran, dass eine Geburt per Kaiserschnitt sich nachteilig auf die Darmflora des Kindes und damit auf dessen zukünftige Gesundheit nega­tiv auswirkt. Aus diesem Grund befürworten einige Forscher das „Bakterienbad“ unmittel­bar nach der Kaiserschnittentbindung. Dabei wird ein Abstrich aus der Vagina der Mutter entnommen und auf die Haut des Kindes übertragen. Zurzeit wird erforscht, ob die Darm­flora von Kaiserschnittbabys auf diesem Wege positiv beeinflusst werden kann. Viele Mikro­biologen sind jedoch skeptisch – nicht zuletzt, weil der Übertragungsmechanismus bei natürlicher Geburt auch noch unklar ist – und warnen vor dieser Methode, da möglicher­weise auf diesem Wege auch Infektionen übertragen werden könnten. [19]

Mutter mit handgemachtem Liebesanmeldebauch

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Die Zusammensetzung der mikrobiellen Flora wird von vielen Faktoren bestimmt. Ausser den bereits genannten spielt auch die Gesundheit und das Gewicht der Mutter während der Schwangerschaft eine Rolle. Darüber hinaus ändert sich die Zusammensetzung der mütterlichen Darmflora über die verschiedenen Stadien der Schwangerschaft. Nach der Entbindung trägt das Stillen weiterhin zum Aufbau der frühkindlichen Darmflora bei. Ein Grund ist die direkte Übertragung von Bakterien über die Haut und die Muttermilch. Muttermilch enthält mehr als 700 Bakterienspezies, die Nährstoffwechsel und Nährstoff­absorption fördern, die Entwicklung des Immunsystems unterstützen, die Darmschleimhaut und die Darm-Hirn-Achse des Kindes stärken. [20] Darüber hinaus enthält sie Präbiotika, die die Darmflora nähren. Diese fördern mikrobielle Aktivität im kindlichen Darm, das Wachs­tum von Bifidobakterien, die Immunabwehr in den Zellen der Darmschleimhaut, sowie das kindliche Wachstum und sogar die Körperzusammensetzung des Kindes. Die Zusammen­setzung der Flora der Muttermilch hat verschiedene Phasen. Das Colostrum – die erste Milch – enthält andere Bakterien und in anderen Proportionen als die spätere Muttermilch. Ebenso wie die Darmflora wird die Muttermilch in jeder Phase von der Umwelt der Mutter, ihrer Ernährung, Medikamenten usw. beeinflusst. [21] Sollte die Mutter willens und in der Lage sein, ihr Kind zu stillen, wäre dies für die Entwicklung der Darmflora des Kindes förderlich. Offenbar stärkt das Stillen über sechs Monate oder länger die Darmflora am besten, im Vergleich zu Säuglingen, die kürzer gestillt werden. [22] Längeres Stillen, z. B. mehr als 30 Monate, kann jedoch die Reifung der Darmflora bei Säuglingen behindern. [23] Schon bei Neugeborenen ist es möglich, die Entwicklung der Darmflora mit der Gabe von Probiotika zu unterstützen. Auch hier sind die Ergebnisse umso besser, wenn zumindest teil­weise gestillt wird. [24] Für praktische Tipps, wie du als Mutter – beziehungsweise ihr als Eltern – deinen Körper vor und während der Schwangerschaft unterstützen und dem Neugeborenen einen guten Start geben kannst, empfehlen wir unseren Blogpost „Darmtherapie in der Schwangerschaft und bei Säuglingen„. Aktibiotic Start   Nichts wird derzeit kontroverser diskutiert als Antibiotika. Worst-Case-Szenarien panresistenter Killer-Keime und Antibiotika-Resistenzen sorgen für Angst und vor allem Unsicherheit. Auch wir werden durch unsere Kompetenz im Bereich Darmgesundheit immer wieder auf dieses Thema angesprochen. Statt Gerüchte und Halbwahrheiten zu befeuern oder Antibiotika gar zu verteufeln, möchten wir genau damit aufräumen. In unserem Event „Alles rund um Antibiotika – Fluch oder Segen“ geben wir Antworten. Renommierte Experten wie Dr. med. Simon Feldhaus, Dr. med. Andreas Schwarzkopf oder Dr. med. Sascha Käsermann klären über häufige Fragen auf.

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[1] Lazar V, Ditu LM, Gradisteanu G, et al (2018): Aspects of Gut Microbiota and Immune System Interactions in Infectious Diseases, Immunopathology and Cancer. Front Immun, Aug 2018 9:1830.

[2] ebd.

[3] Wang S, Ryan CA, Boyaval P, et al (2020): Maternal Vertical Transmission Affecting Early-life Microbiota Development. Trends Microbiol. 2020 Jan;28(1):28-45.

[4] Lazar et al, 2018.

[5] Ardissone AN, de la Cruz DM, Davis-Richardson AG, et al (2014): Meconium microbiome analysis identifies bacteria correlated with premature birth. PLoS One 9:3:e90784.

[6] De Martino SJ, Mahoudenau J, Brettes JP, et al (2004): Peripartum bacteremias due to Leptotrichia amnionii and Sneathia sanguienegens – Rare Causes of Fever during and after delivery. J Clin Microbiol. 42(12):5940-3

[7] Aagaard K, Ma J, Antony KM, et al (2014): The placenta harbours a unique microbiome. Sci Transl Med (2014). 6:237ra65.

[8] Lauder AP, Roche AM, Sherrill-Mix S, et al (2016): Comparison of placenta samples with contamination controls does not provide evidence for a distinct placenta microbiota. Microbiome 4,29.

[9] Leiby JS., McCormick K, Sherrill-Mix S, et al (2018): Lack of detection of a human placenta microbiome in samples from preterm and term deliveries. Microbiome 6, 196.

[10] Ferretti P, Pasolli E, Tett A, et al (2018): Mother-to-Infant Microbial Transmission from Different Body Sites Shapes the Developing Infant Gut Microbiome. Cell Host Microbe. 2018 Jul 11;24(1):133-145.e5.

[11] Bäckhed F, Roswall J, Peng Y, et al (2015): Dynamics and Stabilization of the Human Gut Microbiome during the First Year of Life. Cell Host Microbe. 2015 May 13;17(5):690-703.

[12] Ferretti et al, 2018

[13] Bäckhed et al, 2015.

[14] Bokulich NA, Chung J, Battaglia T, et al (2016): Antibiotics, birth mode, and diet shape microbiome maturation during early life. Science Translational Medicine. Jun 2016; 8:343:343ra82.

[15] Li H, Zhou Y; Liu, J (2013): The impact of cesarean section on offspring overweight and obesity: a systematic review and meta-analysis. Int J Obes 37, 893–899 (2013).

[16] Tun HM, Bridgman SL, Chari R, et al (2018): Roles of Birth Mode and Infant Gut Microbiota in Intergenerational Transmission of Overweight and Obesity From Mother to Offspring. JAMA Pediatr. 2018 Apr 1;172(4):368-377.

[17] Sevelsted A, Stokholm J, Bønnelykke K, Bisgaard H (2015): Cesarean section and chronic immune disorders. Pediatrics. 2015 Jan;135(1):e92-8.

[18] Chu D, Ma J, Prince A, et al (2017): Maturation of the infant microbiome community structure and function across multiple body sites and in relation to mode of delivery. Nat Med 23, 314–326.

[19] Reardon S (2019): Do C-section babies need mum’s microbes? Trials tackle controversial idea. Swabbing infants with mothers’ vaginal bacteria could affect the children’s health, but critics warn of sparse data and high risk. Nature 572, Aug 2019, 423-424.

[20] Wang et al, 2020.

[21] ebd.

[22] Pärnänen K, Karkman A, Hultman J, et al (2018): Maternal gut and breast milk microbiota affect infant gut antibiotic resistome and mobile genetic elements. Nat Commun. 2018 Sep 24;9(1):3891.

[23] Stewart CJ, Ajami NJ, O’Brien JL, et al (2018): Temporal development of the gut microbiome in early childhood from the TEDDY study. Nature 562, 583–588 (2018).

[24] Korpela K, Salonen A, Vepsäläinen O, et al. (2018): Probiotic supplementation restores normal microbiota composition and function in antibiotic-treated and in caesarean-born infants. Microbiome 6, 182)

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